Essstörungen verstehen und Hilfe finden

Junge Frau schaut unentschlossen in den geöffneten Kühlschrank.

Ob durch familiäre Probleme, gesellschaftliche Einflüsse, falsche Idole in Sozialen Netzwerken oder aufgrund genetischer Faktoren. Vor allem junge Menschen haben das Risiko an einer Essstörung zu erkranken.

Inhaltswarnung

In diesem Artikel behandeln wir Essstörungen vor allem bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. In diesem Text geht es daher um psychische Erkrankungen, selbstschädigendes Verhalten und Suizid.

Wenn Sie denken, dass Sie selbst oder eine Person in Ihrem Umfeld von einer Essstörung betroffen sein könnte, ist es unerlässlich, professionelle Hilfe aufzusuchen. Die allermeisten Essstörungen sind Krankheiten, die einer Behandlung bedürfen. Hilfs- und Beratungsstellen finden Sie am Ende des Artikels.

In den vergangenen Jahren ist die Zahl von jungen Menschen mit Essstörungen stark gestiegen. Daten der Kaufmännischen Krankenkasse zeigen zwischen 2012 und 2022 einen Anstieg bei 12- bis 17-jährigen Mädchen von 54 Prozent. Dabei sind Mädchen und junge Frauen deutlich häufiger von einer Essstörung betroffen als Jungen und junge Männer, auch wenn deren Zahlen ebenfalls steigen.

Die Gründe für eine Essstörung können vielfältig sein. Fest steht, dass es in den Corona-Jahren zu einem starken Anstieg der Fälle gekommen ist. Allein vom Vor-Coronajahr 2019 bis 2022 sind die Fälle bei 12- bis 17-jährigen Mädchen um 38 Prozent gestiegen. 

Was ist eine Essstörung?

Essstörungen sind psychosomatische Erkrankungen mit Suchtcharakter, bei denen die Gedanken an Essen, Figur und Gewicht das Leben bestimmen. 

Der Übergang zu einer Essstörung kann oft schleichend sein. Dadurch bleibt die Krankheit oft lange unentdeckt.

Daher ist es wichtig, erste Anzeichen frühzeitig zu erkennen. Dazu können folgende Symptome gehören:

  • Extrem viel, wenig oder selektiv essen
  • Bewegungsdrang
  • Starke Gewichtsveränderungen
  • Obsessives Beschäftigen und Unzufriedenheit mit dem Körper
  • Sozialer Rückzug 

Essstörungen haben verschiedene Erscheinungsbilder. Darunter sind drei Hauptformen, die ineinander übergehen können.

 

Formen von Essstörungen

  • Magersucht (Anorexie / Anorexia nervosa)

    Im Zentrum einer Magersucht steht eine verzerrte Körperwahrnehmung. Sie führt in der Krankheit zu einer sich selbst verstärkenden Rückkopplung. Denn die verzerrte Körperwahrnehmung hat zur Folge, dass die Betroffenen die Schwere ihres Zustands nicht erkennen können. 

    Magersüchtige beginnen zunächst zwar bewusst damit, ihre Nahrungsaufnahme zu kontrollieren, zu hungern oder exzessiv Sport zu treiben. Dies wird im Verlauf jedoch zu einem Zwang. Dadurch ist es nahezu unmöglich, sich aus eigener Kraft auf der Krankheit zu befreien.

    Symptome und Folgen

    Die Krankheit kann verschiedene und schwere körperliche, seelische und soziale Folgen haben. 

    • Durch den Nährstoffmangel kommt es zu Mangelerscheinungen. Sie können einen langsamen Herzschlag, Herzrhythmusstörungen sowie Kreislauf- und Konzentrationsstörungen zur Folge haben. Eine weitere mögliche Folge ist eine Osteoporose, also eine Verringerung der Knochendichte.
    • Haarausfall und Hautprobleme wie Juckreiz. Bei starkem Untergewicht kann zudem am Körper ein Flaum wachsen, die sogenannte Lanugo-Behaarung.
    • Durch den Mangel kann es zu hormonellen Veränderungen kommen. Das hat zur Folge, dass sich die Pubertät und körperliche Entwicklung sowie das Wachstum verzögern. Bei Mädchen und Frauen bleibt die Periode aus und bei Jungs und Männern kann es zu Potenzstörungen kommen.
    • Häufiges Erbrechen schädigt Speiseröhre und Zähne. Zusätzlich kommt es zu vergrößerten Speicheldrüsen und einem gestörten Salz- und Wasserhaushalt sowie einer gestörten Nierenfunktion.
    • Auch wenn Magersüchtige zunächst positive Gefühle von Leichtigkeit und Euphorie erleben, schlagen diese schnell in depressive Stimmungen, Gleichgültigkeit und hohe Reizbarkeit um.
    • Betroffene fürchten sich vor Ablehnung und Stigmatisierung und verheimlichen ihre Erkrankung. Sie ziehen sich zurück und verlieren ihre Interessen.
    • Mit der Magersucht gehen oft weitere psychische Erkrankungen einher. Dazu gehören etwa Depression sowie Zwangs- oder Angststörungen. Diese Erkrankungen und die Magersucht stehen dabei in einem unheilvollen Wechselspiel und können sich gegenseitig beeinflussen oder verstärken.  

    Magersucht kann eine tödliche Krankheit sein. Das Sterberisiko ist 500 Prozent höher als bei gleichaltrigen Menschen ohne Magersucht. Dabei sterben die meisten Patientinnen und Patienten an den körperlichen Folgen der Magersucht. 20 Prozent der Todesfälle sind Selbsttötungen. Das Suizidrisiko ist bei Menschen mit Magersucht 18-mal höher als bei gesunden Menschen. 

    Behandlung bei Magersucht 

    Da Magersucht eine schwerwiegende Erkrankung ist, muss sie unbedingt behandelt werden. 

    Wie oben beschrieben, gehört es zu den tückischen Eigenschaften der Magersucht, dass Betroffene sich häufig selbst nicht als krank empfinden. Das führt dazu, dass sie sich in vielen Fällen erst spät professionelle Hilfe suchen. Dabei sind die Heilungschancen besser, je früher die Magersucht erkannt und behandelt wird.

    Bei der verhaltenstherapeutischen Behandlung geht es zunächst darum, die akuten Symptome zu lindern. Die Betroffenen bekommen Hilfe dabei, wieder Gewicht zuzunehmen und ein gesundes Essverhalten zu entwickeln. 

    Anschließend betrachtet die Therapie mögliche auslösende und aufrechterhaltende Faktoren. Zusammen mit den Patientinnen und Patienten werden in der Therapie Strategien entwickelt, um einen Rückfall in die Magersucht zu verhindern.

    Je nach Schwere und Stadium wird eine Magersucht ambulant, teilstationär, stationär oder auch per Online-Therapie behandelt. Eine Zwangsbehandlung kann in lebensbedrohlichen Situationen notwendig sein.

    Auch nach einer erfolgreichen Behandlung können Symptome weiterbestehen und ein Rückfall ist möglich. Daher ist die Nachsorge bei der Behandlung wichtig.

    Sie finden am Ende der Seite Kontakte zu Beratungs- und Hilfsstellen. 

  • Ess-Brech-Sucht (Bulimie)

    Wer an einer Bulimie erkrankt ist, hat ein unkontrollierbares Verlangen nach Essen. Nach den Ess-Anfällen bringen sich die Betroffenen in der Regel selbst zum Erbrechen, um zu verhindern, dass der Essanfall zu einer Gewichtszunahme führt.

    Bei der Bulimie handelt es sich um eine ernsthafte psychische Erkrankung. Sie muss unbedingt behandelt werden.

    Symptome und Folgen

    Die Bulimie tritt am häufigsten im späteren Jugend- und jungen Erwachsenenalter auf. Die Mehrzahl der erfassten Betroffenen ist weiblich. Es wird jedoch von einer hohen Dunkelziffer bei Jungen und Männern ausgegangen.

    • Das zentrale Symptom einer Bulimie sind die unkontrollierten Ess-Anfälle. Bei so einer Attacke essen die Betroffenen meist übermäßig viel. Die Attacken werden von dem Gefühl begleitet, nicht mit dem Essen aufhören zu können und keine Kontrolle darüber zu haben, wie viel und was man isst.
    • Dem hilflosen Gefühl der Ess-Attacken steht die Angst vor Gewichtszunahme entgegen. Die Betroffenen greifen daher zu ungesunden Gegenmaßnahmen. Oft bringen sie sich nach einer Attacke selbst zum Erbrechen.
    • Unregelmäßiges Essen und Hungern können ebenso eine Folge sein. Viele Betroffene treiben übermäßig viel Sport oder greifen zu Medikamenten wie Appetitzüglern, Abführmitteln oder entwässernden Mitteln.
    • Betroffene geraten häufig in einen Teufelskreis aus Fasten, Heißhunger und Ess-Attacken.
    • Das Selbstwertgefühl ist bei Betroffenen sehr stark vom eigenen Aussehen beeinflusst. Sie sind unzufrieden mit Figur und Körpergewicht.
    • Bulimie kann oft in Schüben auftreten. Nach teilweise Monaten ohne Symptome folgen wieder Phasen mit krankhaftem Essverhalten.

    Anders als bei der Magersucht, liegt das Gewicht der Betroffenen meist im Normalbereich – sie können aber auch leicht unter- oder übergewichtig sein. Trotzdem kann eine Bulimie schwere gesundheitliche Folgen haben:

    • Häufiges Erbrechen schädigt Speiseröhre und Zähne. Zusätzlich kommt es zu vergrößerten Speicheldrüsen und einem gestörten Salz- und Wasserhaushalt.
    • Beeinträchtigung der Nierenfunktion und Herzrhythmusstörungen.
    • Verdauungsbeschwerden wie Durchfall und Verstopfung.
    • Durch Aufnahme von großen Mengen Nahrung während der Attacken kann es zum Einreißen des Magens, einer sogenannten Magenruptur, kommen.
    • Nährstoffmangel, der sich in Herz-Kreislauf-Beschwerden, Haarausfall oder Konzentrationsproblemen zeigt. Folgen können auch eine beeinträchtigte Fruchtbarkeit und Zyklusstörungen sein.
    • Gestörte Wahrnehmung des Hunger- und Sättigungsgefühls bis hin zu dessen kompletten Verlust. 

    Aus Angst vor Ablehnung und Stigmatisierung versuchen Betroffene meist ihre Erkrankung geheim zu halten. Sie ziehen sich oft zurück und brechen soziale Kontakte ab. Eine Bulimie ist oft von weiteren psychischen Erkrankungen wie Depression oder Angststörungen begleitet. Dabei stehen die unterschiedlichen Krankheiten in Wechselwirkung. Sie können einander auslösen, beeinflussen oder verstärken.

    Das Sterberisiko bei einer Bulimie-Erkrankung ist knapp doppelt so hoch, wie bei gesunden gleichaltrigen Personen. Das Suizid-Risiko bei Erkrankten ist siebenmal höher als bei gesunden Menschen.

    Behandlungen bei Bulimie

    Bulimie ist eine schwerwiegende Erkrankung, die unbedingt behandelt werden muss.

    Betroffenen schämen sich oft für ihre Essstörung. Das führt dazu, dass sie sich in vielen Fällen erst spät professionelle Hilfe suchen. Dabei sind die Heilungschancen besser, je früher die Bulimie erkannt und behandelt wird.

    Ziel der Behandlung ist, dass die Betroffenen lernen, wieder normal zu essen. In der Therapie werden auch die Faktoren thematisiert, die die Krankheit ausgelöst haben und sie aufrechterhalten. Die Therapie entwickelt mit den Betroffenen Strategien, um Rückfälle in das gestörte Essverhalten zu verhindern. 

    Je nach Schwere und Stadium wird eine Bulimie ambulant, teilstationär, stationär oder auch per Online-Therapie behandelt.

    Auch nach einer erfolgreichen Behandlung können Symptome weiter bestehen und ein Rückfall ist möglich. Daher ist die Nachsorge bei der Behandlung wichtig.

    Sie finden am Ende der Seite Kontakte zu Beratungs- und Hilfsstellen. 

  • Binge-Eating-Störung (Essattacken)

    Betroffene mit einer Binge-Eating-Störung erleben immer wieder Ess-Attacken. Anders als bei der Bulimie, versuchen sie jedoch nicht einer Gewichtszunahme, etwa durch selbst herbeigeführtes Erbrechen, entgegenzuwirken. 

    Der Name der Krankheit leitet sich aus dem Englischen ab. Binge-Eating bezeichnet exzessives und übermäßiges Essen. Wörtlich übersetzt bedeutet „Binge“ im Deutschen „Gelage“. 

    Bei der Binge-Eating-Störung handelt es sich um eine ernsthafte psychische Erkrankung. Sie muss unbedingt behandelt werden.

    Symptome und Folgen

    Die Binge-Eating-Störung tritt vorwiegend in der späteren Jugend und im jungen Erwachsenenalter auf. Männer und Frauen sind von der Krankheit gleich häufig betroffen.

    • Wie der Name schon sagt, stehen regelmäßige Essanfälle im Zentrum der Krankheit. Betroffene essen innerhalb kurzer Zeit mehr als die meisten Menschen in ähnlichen Situationen.
    • Die Essattacken sind unabhängig vom Hungergefühl. Es kann passieren, dass Betroffene über Stunden essen und im Anschluss nicht mehr sagen können, wann die Attacke begonnen und wann sie geendet hat.
    • Zu den Symptomen gehört auch ein Kontrollverlust. Sie fangen an, das Essen herunterzuschlingen. Die Attacke endet oft erst, wenn sie sich unangenehm voll fühlen.
    • Betroffene verlieren den Genuss beim Essen. Die Attacken sind begleitet von Schuldgefühlen, depressiven Gefühlen und Selbstekel. Um ihr gestörtes Essverhalten zu verheimlichen, essen sie oft allein.
    • Die Binge-Eating-Störung kann oft in Schüben auftreten. Nach teilweise Monaten ohne Symptome folgen wieder Phasen mit krankhaftem Essverhalten.

    In der Folge der Ess-Attacken erleben die Betroffenen meist eine starke Gewichtszunahme. Viele Betroffenen sind daher übergewichtig oder stark übergewichtig (adipös). Jedoch können auch „normalgewichtige“ Menschen an dieser Störung leiden.

    Übergewicht kann jedoch viele Ursachen haben und ist nicht immer auf eine Essstörung zurückzuführen. Die Folgen des Übergewichts sind jedoch die gleichen. Durch das Übergewicht steigt das Risiko für eine Vielzahl von körperlichen Leiden wie beispielsweise Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, Diabetes und Rücken- oder Gelenkproblemen. Zudem steigt das Risiko eines Schlaganfalls deutlich an.

    Aus Angst vor Ablehnung und Stigmatisierung versuchen Betroffene ihre Erkrankung geheim zu halten. Betroffene ziehen sich oft zurück und brechen soziale Kontakte ab. Eine Binge-Eating-Störung ist oft von weiteren psychischen Erkrankungen wie Depression oder Angststörungen begleitet. Dabei stehen die unterschiedlichen Krankheiten in Wechselwirkung. Sie können einander auslösen, beeinflussen oder verstärken.

    Die Essanfälle können die Betroffenen auch in finanzielle Schwierigkeiten bringen, da sie häufig große Mengen Nahrung kaufen müssen. 

    Das Sterberisiko bei einer Binge-Eating-Störung ist gegenüber gesunden, gleichaltrigen Personen eindeutig erhöht. Vor allem in Verbindung mit weiteren psychischen Erkrankungen steigt auch das Suizid-Risiko.

    Behandlungen bei Binge-Eating-Störungen

    Eine Binge-Eating-Störung ist eine Krankheit, die die Betroffenen schwer belastet und behandelt werden muss. 

    Aus Scham und Angst vor Stigmatisierung zögern Betroffene oft, sich professionelle Hilfe zu suchen. Jedoch, je früher eine Therapie beginnt, desto besser sind die Chancen auf Heilung und damit die Gefahren für dauerhafte Folgeschäden geringer.

    Das Ziel der Therapie ist, die Auslöser für die Essattacken zu erkennen und ihr Auftreten zu verhindern. Sie soll zudem ein gesundes und regelmäßiges Essverhalten aufbauen. Bei übergewichtigen Betroffenen kann auch die Reduzierung des Gewichts auf ein gesundes Maß eine Rolle spielen. 

    Je nach Schwere und Stadium wird eine Binge-Eating-Störung ambulant, teilstationär, stationär oder auch per Online-Therapie behandelt.

    Auch nach einer erfolgreichen Behandlung können Symptome weiter bestehen und ein Rückfall ist möglich ist. Daher ist die Nachsorge bei der Behandlung wichtig.

    Sie finden am Ende der Seite Kontakte zu Beratungs- und Hilfsstellen. 

Wie entsteht eine Essstörung?

Die Gründe für eine Essstörung sind sehr individuell und vielfältig. Es gibt nicht ein Essstörungs-Gen oder die eine spezielle Situation, die die Krankheit auslösen kann. In der Regel spielen verschiedene Faktoren bei der Entwicklung einer Essstörung zusammen. Generell wird zwischen drei Ursachengruppen unterschieden.

  • Biologische Ursachen

    Unser Körper ist ein kompliziertes Zusammenspiel aus Genen, Enzymen, Hormonen, Biomen und Botenstoffen. Kommt hier etwas aus dem Gleichgewicht, kann die Gefahr steigen, an einer Essstörung zu erkranken.

    Genetische Veranlagung

    Es gibt in der Forschung starke Hinweise, dass auch die Gene eine Essstörung auslösen oder befördern können. Jedoch gibt es keinen genetischen Automatismus. In der Regel kommt eine genetische Veranlagung erst zum Tragen, wenn weitere Faktoren wie etwa hormonelle Veränderungen oder außergewöhnliche Lebensereignisse hinzukommen.

    Dabei ist kein einzelnes Gen verantwortlich. Die Forschung geht davon aus, dass es mehrere noch nicht komplett verstandene Wege gibt, über die genetische Faktoren das Risiko, an einer Essstörung zu erkranken, erhöhen.

    Hormone und Botenstoffe

    Wie bei den Genen gibt es auch bei den Hormonen nicht das eine verdächtige Hormon, dass zu einer Essstörung führen kann. Der Hormonhaushalt eines Menschen ist komplex. Viele hormonelle Prozesse beeinflussen sich untereinander, manche werden zudem von äußeren Einflüssen gesteuert.  

    Die drei „Hauptverdächtigen“ im Zusammenhang mit Essstörungen sind:

    1. Grehlin: Das Hormon reguliert im Gehirn das Hunger- und Sättigungsgefühl. Ist viel Grehlin im Blut, bekommen wir Hunger – auch Menschen mit Anorexie. Allerdings scheint bei Betroffenen das Hormon nicht zu „wirken“. Warum das so ist, wird aktuell noch erforscht.
    2. Die Sexualhormone Östrogen und Testosteron: Die Menge an Testosteron im Fruchtwasser nimmt indirekt über die Gehirnentwicklung des Kindes Einfluss auf sein späteres Essverhalten. Auch Östrogen kann sich auf das Essverhalten auswirken. Es wird mit einer verringerten Nahrungsaufnahme in Verbindung gebracht.
    3. Serotonin: Der als „Glückhormon“ bekannte Botenstoff Serotonin spielt eine große Rolle beim Essen. Zucker- und fettreiche Nahrung erhöhen den Serotonin-Pegel im Gehirn und erzeugt „Glücksgefühle“. Wer fastet, hat weniger Serotonin im Gehirn. Allerdings macht Hungern die Rezeptoren im Gehirn empfindlicher, sodass das Gehirn auf kleinere Mengen reagiert.

    Körperliche Faktoren

    Geschlecht, Alter und Körpergewicht können ebenfalls Faktoren bei der Entstehung einer Essstörung sein. Aber auch hier gibt es nicht die eine Eigenschaft, die eine Essstörung auslöst.

  • Individuelle Ursachen

    Individuell meint – völlig wertfrei – dass jeder Mensch verschieden ist. Es ist nicht gemeint, dass jemand selbst an der Erkrankung Schuld trägt. Vielmehr geht es um gegebene Persönlichkeitsmerkmale und die eigene Lebensgeschichte.

    Persönlichkeitsmerkmale

    Unsere Persönlichkeit ist uns zum Teil angeboren, zum anderen Teil ist sie geprägt von Erziehung, Vorbildern und eigenen Erfahrungen.

    Manche Charaktereigenschaften, wie beispielsweise ein sehr hoher Leistungsanspruch an sich selbst, können eine Essstörung befördern. Mit extremem Ehrgeiz und Perfektionismus setzt man sich oft selbst unter hohen Druck. Führt der Stress zu Belastungen oder entstehen Konflikte, können als Folge Überforderung und Selbstzweifel auftreten und eine Essstörung begünstigen.

    Traumatische Erfahrungen

    Bei vielen Betroffenen gibt es körperliche oder seelische Extremerfahrungen in der eigenen Biografie. Betroffene versuchen überwältigende Empfindungen wie Demütigung oder Ohnmacht damit zu beherrschen, indem sie das eigene Essverhalten regulieren. Dies hat je nach Art der Essstörung unterschiedliche Folgen: 

    • bei der Anorexie zu restriktivem Essen und Gewichtsabnahme
    • bei der Bulimie zu Essanfällen und kompensatorischen Maßnahmen, das Gewicht bleibt meist im Normalbereich
    • und bei der Binge-Eating-Störung zu vermehrter Nahrungsaufnahme und Gewichtszunahme.
  • Soziokulturelle Ursachen

    Bei jungen Menschen prägen viele kulturelle und soziale Aspekte die eigene Körperwahrnehmung. Dazu gehören etwa extreme Schönheitsideale, starre gesellschaftliche Regeln oder raue Umgangsformen unter Gleichaltrigen. 

    Damit spielen sie – unterschiedlich stark – ebenfalls eine Rolle bei der möglichen Entwicklung einer Essstörung. 

    Das vorherrschende Schönheitsideal

    In westlichen Industrienationen herrscht das extrem schlanke Schönheitsideal vor. Wir bekommen dieses Ideal täglich präsentiert. In der Werbung, in Fernseh-Shows und im Internet. Diese Dauerberieselung steigert oft bei Heranwachsenden die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und Leben. Durch den andauernden Vergleich mit unrealistischen Schönheitsidealen und Körpermaßen können auch normalgewichtige Menschen sich als übergewichtig, zu wenig muskulös oder unpassend erleben.

    Soziale Medien

    Die Themen Aussehen, Schönheit, Fitness und Ernährung sind in den Timelines vieler junger Menschen ständig präsent. Hinzu kommen explizit toxische Inhalte, wie etwa Bodyshaming und extremer Maskulinismus. Manche Influencerinnen und Influencer stellen in ihren Beiträgen, Videos und Bildern vermeintlich erstrebenswerte Schlankheits- und Schönheitsideale dar. Dabei wird der Inhalt auf vielen Plattformen mehr und mehr zu einer inszenierten Scheinwelt. 

    Das beginnt bei ausgesuchten Kameraperspektiven, die eine Person vorteilhaft aussehen lassen, Filter beseitigen unter anderem Falten und Hautunreinheiten und lassen eine Person schlanker aussehen. Mithilfe von künstlicher Intelligenz (KI) steigen die Möglichkeiten digitaler Manipulationen ins Unermessliche. Zudem lassen sich künstliche Inhalte immer schwerer von realen Abbildern der Wirklichkeit unterscheiden. Inzwischen gibt es zudem schon komplett durch KI generierte Influencerinnen und Influencer. 

    Die Algorithmen der Plattformen verstärken solche Inhalte noch, da sie die Nutzerinnen und Nutzer immer mehr Inhalte zu solchen Themen zeigen. 

    Das allein löst per se noch keine Essstörung aus. Jedoch können Menschen gefährdet sein, die unzufrieden mit ihrem Körpergewicht sind oder bereits ein geringes Selbstwertgefühl haben und soziale Medien sie immer wieder in dieser Selbstwahrnehmung bestärken.

    Es ist wichtig, dass junge Menschen sich der Mechanismen sozialer Netzwerke bewusst und in der Lage sind, Scheinwelten zu durchblicken. 

    Auf der anderen Seite können Soziale Medien aber auch Betroffenen helfen. Sie können sich vernetzen, austauschen und gegenseitig stärken. Zudem gibt es zunehmend einflussreiche Content-Creator, die ihre eigenen Erfahrungen mit einer Essstörung teilen oder sich für eine Body-Positivity starkmachen. Die Body-Positivity-Bewegung unterstützt Menschen dabei, sich selbst so zu akzeptieren, wie sie sind. 

    Weitere Informationen zum Thema: Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA): Fördern soziale Medien Essstörungen? (PDF)

    Freundeskreis und soziales Umfeld

    Auch in der Offline-Welt vergleichen wir uns oft mit Anderen. Bei jungen Menschen kann dieser Gruppendruck, negative Kommentare über den eigenen Körper bis hin zu systematischem Mobbing häufig das Selbstwertgefühl beeinträchtigen. Mit negativen Folgen für das eigene Körperbild. Junge Menschen, die zudem unsicher im Umgang mit anderen Menschen sind oder scheinbar perfekten Vorbildern nacheifern, können ebenfalls ein höheres Risiko für eine Essstörung haben.

    Da sich Mobbing oft auch im digitalen Raum fortsetzt, kann es die bereits negativen Auswirkungen von Sozialen Medien auf gefährdete Personen nochmal verstärken.

Ursachen und Auslöser für Essstörungen

Es zeigt sich, dass die Faktoren für eine Essstörung vielfältig sind. Man unterscheidet zwischen Ursachen und Auslösern, wobei der Übergang zwischen beiden Begriffen teilweise fließend ist. Ursachen sind Einflüsse, die die individuelle Anfälligkeit eines Menschen für die Erkrankung bestimmen. Dazu gehören unter anderem biologische und körperliche Faktoren, bestimmte Persönlichkeitsmerkmale oder gesellschaftliche Einflüsse.

Auslöser dagegen sind konkrete Ereignisse und Umstände, die letztlich den Ausbruch einer Essstörung triggern können. Auslöser können unter anderem belastende Erlebnisse oder der Beginn der Pubertät sein.

Viele Zusammenhänge sind auch noch nicht klar und es braucht weitere Forschung in dem Gebiet.

Hilfe und Beratung für Betroffene und Angehörige

Wenn Sie selbst von einer Essstörung betroffen sind, sollten Sie sich bei einer Beratungsstelle informieren. Sie gibt Ihnen Orientierung und kann oft der erste Schritt aus der Erkrankung sein.

Haben Sie den Verdacht, dass eine nahestehende Person an einer Essstörung erkrankt ist, dann sollten Sie sich umgehend über die Krankheit informieren und beraten lassen. 

Es ist wichtig, dass Eltern ihre Sorge ihren erkrankten Kindern gegenüber äußern. Sie sollten dabei aber nicht das Gewicht und Essverhalten stets in den Vordergrund stellen. Stattdessen sollten Sie Ihr Kind ohne Druck zu einer Behandlung motivieren.

Treten akute körperliche Gefahren oder Suizidgedanken auf, sollten Sie sofort den Notdienst verständigen oder mit Ihrem Kind eine Arztpraxis aufsuchen.

 

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